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Kolumne

29 Treppen und ein Siebhirn

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Ich denke, wenn ich pauschalisiert behaupte, dass circa 70 Prozent der Bevölkerung eine Smart Watch haben, liege ich nicht so weit daneben. Oder? Egal. Ich bin keine Statistikerin und im Schätzen war ich auch nie gut. Ich sollte mal Kaffeebohnen in einem riesigen Glas schätzen, aber das ging wirklich daneben. 

Gewinnspiele sind generell nicht so mein Ding. Deswegen spiele ich auch nicht Lotto. Rubbelloskäufe enden gewohnt in einem Defizit und bei jedem Glückshafen habe ich noch mindestens eine Thermoskanne gewonnen oder Gutscheine für den perfekten Männerhaarschnitt. Wohlgemerkt, meinem Mann fehlt seit Jahren das Haupthaar.

 

Naja. Aber zurück zur Smart Watch. Ich habe in den Jahren vor meiner Lehrtätigkeit täglich laut meiner Smart Watch ungefähr vier bis fünf Treppen bewältigt. Und das ist ehrlich gesagt die Stiege in unserem kleinen Reihenhaus. Da sprechen wir nicht von wahnsinnig vielen Stufen. Seit ich Lehrerin bin, hat sich dieser Wert verfünffacht. Ja, wirklich. Letztens waren es tatsächlich 29-mal Treppensteigen laut den Gesundheitsdaten auf meiner digitalen Uhr. Irgendwie schon krass. Aber ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass mein Hirn zeitweise wie ein Sieb ist. Und meine Oma hat schon immer gesagt: „Was du nicht im Hirn hast, hast du in den Haxen!“ So recht hatte Oma. Ich vergesse nämlich andauernd irgendetwas im Lehrerzimmer: Stifte, Mappen, Schulbücher, Tablet usw. Vergessen ist ja so eine Sache bei mir. Ich lege ständig Kilometer zurück, weil ich mein Handy daheim liegen lasse, den Schlüssel permanent suche – mein Mann findet das übrigens nicht lustig – und immer auf Expedition im Schuh-Dschungel bin. Zum Schuhproblem muss ich aber anmerken, dass wir einen Dackel haben, der täglich sämtliche Schuhe, die er zu fassen kriegt, freudestrahlend durch unser Zuhause trägt. Er macht sie aber nicht kaputt, was für seinen liebenswerten Charakter spricht. Trotzdem ist es ziemlich lästig.

 

Vergessen und Merken sind wirklich typisch für den Menschen. Wobei ich bereits mitten im Thema bin. Ich finde Merkhefte so wichtig. Ich kenne eine Pädagogin und ich denke, es gibt mehrere davon, die verlangt von den Kindern in der ersten Klasse Volksschule, dass sie sich die „Aufgabe merken sollen.“ Ähm ok. Ich und sicher auch andere Menschen suchen immer wieder Dinge, vergessen Sachen, wenn sie nicht aufgeschrieben sind, und dann verlangen wir von diesen kleinen Menschen, die gerade erst dem Kindergarten entschlüpft sind: Merkt euch die Hausübung! Sonst noch was? Das mit dem Merken sollte laut jener Dame – es könnte auch ein Herr sein – übrigens das Gedächtnis schärfen und die kleinen Kinderlein für die Zukunft hirnfit machen. Sorry, nein das geht gar nicht. Lieber Lehrer*innen, falls ihr euch gerade selbst hier wiederfindet: Bitte nicht. Das ist erstens komplett kontraproduktiv für die Eltern und es schürt nur Verwirrung. Ich finde es anstrengend genug für die Kinder, das Alphabet zu lernen, erste Rechenaufgaben zu lösen und dann noch diese schwere Schultasche (Warum ist die eigentlich so schwer?) zu tragen. Und die Eltern haben es auch nicht einfach. Es ist nicht jede*r Taferlklassler*in ein Mini-Einstein – auch wenn das einige von ihren Sprösslingen behaupten.

 

Geben wir den Kindern doch einfach Zeit. Vor allem am Anfang ist es das Nonplusultra. Denn gerade die Hudelei schlägt sich später in höheren Schulen nieder. Wenn Mama und Papa nicht mehr Handerl halten können. Vielleicht, weil sie selber eine weniger hohe Schulbildung haben und sich nicht mehr auskennen, was Kind A gerade in Geometrie macht und Kind B in Deutsch. Oder weil sie alleinerziehend und berufstätig sein und nicht ständig neben den Nachwuchs bei diversen Bruchrechnungen unterstützen können. Wir sollten uns alle – ob Eltern oder Lehrer – hier ein wenig bei der Nase nehmen. Weil: Es ist „nur die Volksschule“ und es „muss“ sich nicht jedes Kind schon vom ersten Tag an alles merken können. Hier gehts meiner Meinung nach um ganz viel Herzensbildung, soziales Lernen und Gruppendynamik. Und wenn das Umfeld stimmt, dann stimmen die Noten meistens auch. Ein Appell an uns alle: Wir sind Lehrer*innen, aber wir sind keine Wunderwuzzis. Und wir machen Fehler. Und das ist menschlich. Merkt euch das bitte. Aufschreiben erlaubt!

Sonja Krätschmer

Sonja Krätschmer

Die gebürtige Steierin ist Zweifachmama und war viele Jahren Redakteurin bei der Kleinen Zeitung. Sie folgte nach der Karenz ihrem Hobby und wurde Bibliothekarin. Seit Kurzem ist die Quereinsteigerin in der Mittelschule Spielberg als u. a. Deutschlehrerin tätig.

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