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Storytelling

Erzähl doch mal!

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PRIM, SEK 1

Um Lust auf das Erzählen zu machen und Redehemmungen abzubauen, ist es wichtig, für eine angenehme Atmosphäre im Klassenraum zu sorgen. Auch Rituale, die Erzählsituationen rahmen, können unterstützen. Elemente wie eine Klangschale, ein Erzählkissen oder ein Erzählumhang können eingesetzt werden.

Inhalt

Über das Erzählen sprechen

Die Geschichte vom Jungen, der keine Geschichten erzählen konnte (Maar, 2007, S. 14–21; erschienen in der ZEIT, 28.10.2004) eignet sich z. B. gut, um über das Erzählen ins Gespräch zu kommen: Wie geht es den Kindern mit dem Erzählen? Wer erzählt gerne? Wer mag es nicht so gerne? Was und wann erzähle ich und wem? Was wünsche ich mir von den anderen, wenn ich etwas erzähle? 

Wenn Geschichten erzählt wurden, ist die Reflexion darüber wichtig: Wie ist es mir beim Erzählen ergangen? Was ist mir gut gelungen, was war schwierig für mich? Was hat mir geholfen, die Geschichte zu erzählen, was hat mich gestört? Zuhörer*innen könnten z. B. sagen: Erzähl doch noch einmal genauer, wie ... Oder: Ich habe noch eine Frage an dich ... 

Von sich erzählen

Von einem Erlebnis erzählen 
(Die Idee stammt auf dem Luxemburger Sprach- und Lesebuch Sprachfuchs, 5. Schuljahr, S. 14.)

  1. Finde einen Erzählanfang, der deine Zuhörer*innen neugierig macht.
  2. Erzähle, wann und wo die Geschichte passiert ist. Hast du sie allein erlebt oder waren noch andere beteiligt? 
  3. Erzähle in der richtigen Reihenfolge: Was passiert zuerst, was anschließend? Was war ungewöhnlich oder überraschend?
  4. Erzähle, wie du dich gefühlt hast.
  5. Schaue beim Erzählen deine Zuhörer*innen an.
  6. Als Zuhörer*in kannst du auch Nachfragen stellen.

Die Fragen zwei bis vier können zunächst in einem Interview zu zweit erarbeitet werden. Erst danach werden die Teile zusammengefügt und die Geschichten in Kleingruppen oder im Plenum erzählt.

 

Ein besonderer Platz
(Die Idee stammt aus dem Deutschbuch wortstark [5/2012, S. 32f.].)

Die Schüler*innen sollen überlegen, an welchem Platz sie sich gerne aufhalten, mit welchem Platz oder Ort sie angenehme Erinnerungen verbinden. Sie bringen ein Foto oder etwas mit, was zu ihrem besonderen Platz gehört. Davon ausgehend erzählen sie von ihrem Platz.

Als Hilfestellung dienen ein Erzähl-Faden und Formulierungshilfen:

Erzähl-FadenFormulierungshilfen
Sprich die Zuhörenden anVielleicht habt ihr auch einen Lieblingsort? Ich will von meinem Lieblingsort erzählen.
Ins Erzählen kommen ...Mein Lieblingsort ... Ich habe euch etwas von meinem Lieblingsort mitgebracht.
Was du Besonderes erlebt hast ...Einmal passierte etwas, was für mich sehr wichtig war.
Warum hast du diese Geschichte erzählt?Ich habe euch diese Geschichte erzählt, weil ...
Die Geschichte abschließenSo, das war meine Geschichte von ...

 

Dieser Raster ist auch auf andere Geschichten anwendbar.

Erzählen nach Mustern und Modellen

Würfelgeschichten 
Die Kinder sammeln mithilfe eines Würfels Stoff für ihre Geschichte. Der Ausgangspunkt ist zum Beispiel eine Reise, bei der etwas Unerwartetes passiert. Dieses Vorgehen eignet sich auch sehr gut, um Märchen zu erzählen. Kategorien sind dann z. B. beteiligte Figuren (Prinz*essin/ /Wolf/Zwerg ...), Orte (Schloss/Wald/Berg ...) und magische Gegenstände (goldener Schlüssel/ Schatz/Schwert ...). Zu jeder Kategorie gibt es sechs Möglichkeiten, aus denen der Würfel eine auswählt. Die Ergebnisse werden auf einen Zettel geschrieben. Anhand dieser Stichworte wird dann die Geschichte erzählt. Das klappt auch zu zweit gut. 

Hier ein Beispiel (nach einer Idee von Tanja Westfall und Charlie Rathgeb-Weber):

  • Meine Sommerferien waren wirklich ... schrecklich; cool; langweilig.
  • Ich war in ... Italien; der Türkei; Polen.
  • Ich reiste mit ... meiner Oma; meinem Hausarzt; meinem Hund Benni.
  • Wir kamen dorthin mit ... dem Bus; einer Kutsche; dem Fahrrad.
  • Wir übernachteten in ... einem Bungalow; einer Höhle; einem Zelt.
  • Jeden Tag gingen wir ... wandern; tauchen; reiten.
  • Das Essen war... grauslich; ganz o.k.; versalzen.
  • Ich war wirklich ... traurig; glücklich; enttäuscht,

... als die Ferien vorbei waren. 

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Geschichtengrammatik 
(Nach einer Idee von Elisabeth Lercher)

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Struktur einer Erzählung und damit einen roten Faden vorzugeben. Eine mögliche Strukturierung sind die Stationen der Heldenreise: Der Alltag – eine neue Aufgabe – die Suche nach einer Lösung – Erschwernisse und Hindernisse – die Bewältigung/der Sieg – zurück zum Alltag. Eine ganz einfache Form ist die Erzählung in drei Sätzen:

  1. Eine Person tritt auf.
  2. Es geschieht etwas (Unerwartetes, Schönes, Schreckliches usw.). 
  3. Darauf folgt ein Happy End oder eine Katastrophe.

Solche Stationen können auf Karten geschrieben und an einem roten Faden im Klassenzimmer aufgehängt werden.

 

Erzählungen verändern
Ein Märchen oder eine Geschichte wird vorgelesen oder erzählt. In Gruppen überlegen die Schüler*innen, was sie an der Geschichte gern verändern oder ergänzen würden. Eine Vorgabe könnte lauten: Was die Autorin oder der Autor verschwiegen hat … oder Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein ... Die Lehrperson kann auch ein Beispiel vorgeben, z. B. beim Märchen Hänsel und Gretel von der Hexe erzählen, die eigentlich eine arme, alte Frau war, die sich nach Gesellschaft gesehnt hat, und von den Kindern, die sich auf gemeine Weise über sie lustig machten. 

Erzählimpulse 

Ein Gegenstand spricht
(Nach einer Idee von Masemann, 2017, S. 215)

Die Schüler*innen sitzen im Sesselkreis. Eine Sammlung von Gegenständen (Stein, Feder, Apfel, eine goldene Kugel, eine Schultasche ...) liegt auf einem Tuch in der Mitte ausgebreitet. Die Gegenstände könnten auch in einem Koffer oder einer Schatzkiste verborgen sein. Nun soll sich jede*r einen Gegenstand aussuchen, der ihn/sie anspricht, den er/sie mag. Reihum wird die Geschichte des Gegenstands – am besten in der Ich-Form – erzählt: Woher er kommt, was er so den ganzen Tag macht, wie es ihm geht, wer er in den letzten Tagen Besonderes erlebt hat ... Die Redezeit sollte auf zwei Minuten beschränkt werden. Varianten: Als Impulsgeber eignen sich auch Fotos oder Stichwortkarten.

 

Free Speaking
Diese Methode ist an die Methode Freewriting angelehnt. Zu einem Begriff sollen die Schüler*innen zwei Minuten lang (für die Kleineren reicht auch ein kürzerer Zeitrahmen) durchgehend sprechen. Dabei können Wörter oder Sätze mehrmals wiederholt werden oder auch ein Satz, wie Es ist schon interessant, was mir zu diesem Wort alles einfällt ... eingebaut werden. Wichtig ist, dass nichts zensuriert wird, alles ist möglich und in Ordnung. Als Basis für diese Übung wird gemeinsam wird eine Wörtersammlung in einer Wörterbox angelegt und beständig erweitert. Mögliche Wörter: Frühstück, Sport, Nacktschnecken, veganes Essen, Urlaub, Musik, Streit, Computerspiele ... Wenn die Begriffe auf einem Spielbrett ausgelegt werden, kann ein Würfelspiel daraus werden.

Erzählen im Dialog

Kamishibai
Das Erzähltheater oder Kamishibai (japanisch) eignet sich hervorragend, um Kinder beim Erzählen zu unterstützen. In einen Rahmen aus Pappe oder Holz mit Flügeltüren werden DIN-A-3-Bilder zur Geschichte (z. B. aus einem Bilderbuch oder selbst angefertigte Zeichnungen der Kinder) eingelegt und nach und nach gezeigt. Die Geschichte kann von der Lehrperson erzählt, im Dialog mit den Kindern entwickelt oder von Kindern erzählt oder nacherzählt werden. Besonders schön ist es, wenn selbst erfundene Geschichten der Kinder und selbst angefertigte Bilder mit dem Kamishibai präsentiert werden. (Weitere Informationen und Materialien können Sie auch den Weblinks im Anhang entnehmen.)

 

Ja, genau ... 
(Nach einer Idee von Ulrike Behrens, 2022, S. 108)

In dieser Übung wird das, was mündliches Erzählen kennzeichnet, nämlich, dass Geschichten nie nur solistisch, sondern immer im Dialog entstehen, bewusst geübt. In kleinen Gruppen (4–6 Personen) – die Teilnehmer*innen können im Kreis sitzen oder stehen – beginnt ein*e Schüler*in mit dem ersten Satz einer Erzählung (dieser könnte auch vorgegeben werden), z. B. Florian war langweilig, er schaute zum Fenster hinaus ... Die oder der Nächste nimmt den Impuls auf und bestätigt mit „Ja, genau! Und …“ – und erzählt weiter. Möglich ist auch, dass das „Ja, genau!“ von allen im Chor gesprochen wird. Das bestärkt das Gesagte und motiviert die Erzähler*innen.

 

Geschichten nach- und weitererzählen
Vier oder fünf Freiwillige werden gebeten, auf dem Gang zu warten. Ein*e Schüler*in sitzt der Lehrperson gegenüber auf der „Bühne“, die übrigen sind Zuhörende. Die Lehrperson liest nun eine Geschichte vor oder erzählt sie frei. Die/der Schüler*in soll sich die Geschichte möglichst gut einprägen, damit er/sie sie dann weitererzählen kann. Die Schüler*innen werden nun der Reihe nach hereingebeten, um die Geschichte zunächst von der Person vor ihnen erzählt zu bekommen und sie dann dem oder der nächsten weiterzuerzählen. Die Zuhörenden notieren sich, was an der Geschichte verändert wurde oder was weggefallen ist.

Hier ein Beispiel für eine Weitererzählgeschichte:

Ein junges Mädchen geht eine Verwandte besuchen, die krank ist. Es möchte ihr ein paar Sachen bringen. Unterwegs lernt es jemanden kennen, der es über sein Vorhaben ausfragt. Als es im Haus der Verwandten ankommt, passiert ein Verbrechen. Ein Bekannter kommt im letzten Augenblick dazu, um das Schlimmste zu verhindern. Er führt den Verbrecher seiner gerechten Strafe zu.

Literatur & Webseiten

  • Honnef-Becker, I. & Kühn, P. (2019). Sprechen und Zuhören im Deutschunterricht. Bildungsstandards – Didaktik – Unterrichtsbeispiele. Narr.
  • Maar, Paul (2007). Die Geschichte vom Jungen, der keine Geschichten erzählen konnte. In A. Mentzer & U. Sonnenschein (Hrsg.), Die Welt der Geschichten. Kunst und Technik des Erzählens. Fischer Taschenbuch.
  • Masemann, S. (2017). Improvisation und Storytelling in Training und Unterricht. 2. Aufl. Beltz.

Zum Erzähltheater (Kamishibai):

Anleitungen, Bestellmöglichkeiten und weiterführende Links zum Kamishibai finden Sie z.B. hier: https://www.biss-sprachbildung.de/btools/kamishibai-erzaehltheater/ (26.11.2022) oder auch unter http://www.mein-kamishibai.de/spielend-leicht-geschichten-erfinden-mit-dem-geschichtenbaukasten (26.11.2022). Auch Sachthemen können auf diese Weise erzählt werden. Besonders schöne Anregungen, wie Themen der Agenda 2030 mit Geschichten ausgedrückt werden können, finden sich unter http://www.mein-kamishibai.de/weltwissen-f%C3%BCr-kinder-ganz-praktisch (26.11.2022). Unter http://www.mein-kamishibai.de/zweisprachig-wissen-teilen finden Sie Anregungen, wie Sachthemen zweisprachig mit dem Erzähltheater dargestellt werden können.

https://www.schauhoer-verlag.de/cms/buecher/kamishibai-sinan-und-felix-mein-freund-arkada-im – zweisprachige Geschichten (türkisch-deutsch)


Ermutigung und Motivation durch Geschichten: https://waldworte.eu/2018/02/03/ermutigung-und-motivation-durch-geschichten-mit-kindern-nach-frieden-und-gerechtigkeit-fragen/ – Blog von Susanne Brandt mit vielen tollen Anregungen für das Erzählen.

https://www.story.one/ – tolle Initiative zum Erzählen; unter anderem gibt es einen YOUNG STORY TELLER AWARD. Die Geschichten sind nachzulesen.

Eine Sammlung von Kürzestgeschichten: https://www.kurzgeschichten-stories.de/r_kuerzestgeschichte.aspx

Tiny Tales (sehr kurze Geschichten): https://www.youtube.com/watch?v=brnnZ2UOovE oder auch https://www.youtube.com/watch?v=LUahvteQ17I . Im Rahmen eines Twitter-Projekts werden Geschichten von den Autor*innen vorgelesen.

https://fd.phwa.ch/wordpress/wp-content/uploads/2014/10/Herz-Kurzprosa-2.0.pdf – Unterrichtsbeispiel, in dem Schüler*innen angeregt werden, nach dem Vorbild von Florian Meimberg Kürzestgeschichten zu schreiben.

https://www.adaptablebooks.com/ – Einsatz von Medien zum Erzählen, Lesen und Vorlesen. Schüler*innen erstellen selbst digitale Buchseiten.

https://bookcreator.com/ – Ein digitales Werkzeug zum Erstellen von digitalen Büchern.

https://www.zg.ch/behoerden/direktion-fur-bildung-und-kultur/phzg/forschung/zm – Das Zentrum Mündlichkeit der Pädagogischen Hochschule Zug (CH) bietet Informationen und Materialien rund um das Sprechen und Zuhören, u. a. eine weiterführende Linkliste.

Märchen in vielen Sprachen: https://www.grimmstories.com/ 

https://www.planet-schule.de/sf/multimedia-lernspiele-detail.php?projekt=hoerspielbaukasten – Hörspielbaukasten: Vorgegebene Geschichten sollen von den Schüler*innen in ein Hörspiel umgesetzt werden. Stimmen, Geräusche, Musik usw. stehen online zur Verfügung. Auch Beispiele für von Schüler*innen produzierte Hörspiele können angehört werden.

Gabriele Rathgeb

Gabriele Rathgeb

Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Tirol im Bereich Deutsch und Mehrsprachigkeit. Gabriele Rathgeb war mehr als 20 Jahre Deutschlehrerin an einer AHS und ist in der Aus- und Fortbildung von Deutschlehrpersonen tätig. Die Themen Zuhören und Sprechen, Lese- und Schreibdidaktik gehören zu ihren Schwerpunkten.

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