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Viele Wege führen nach Rom ...
Wir hatten letztens im Freundeskreis das Thema: Was ist besser? Mittelschule oder Gymnasium? Im Grunde finde ich diese Frage absolut überholt. Ich denke, es ist jedes Modell für sich ein gutes. Und ich schreibe das jetzt nicht, weil ich selbst an einer Mittelschule unterrichte.
Wohin ein zehnjähriges Kind nach der Volksschule gehen sollte, hängt von vielen Faktoren und nicht nur von den schulischen Leistungen ab. Ist die Familie am Nachmittag oft unterwegs? Wie ist der Schulweg gut bewältigbar? Welche Talente und Interessen hat das Kind? Schafft es, für sich den Schulalltag selbstständig zu organisieren? Und wie passt die Schule eigentlich zu meinem Kind und umgekehrt? Ganz ehrlich: Wir Eltern sind der größte Faktor, wenn es um die Schulwahl geht. „Wie schauts aus, wohin geht Lina nächstes Jahr?“, fragte mich kürzlich Andrea, Mama einer Schulkollegin meiner Tochter. „In die Mittelschule. Das passt am besten zu ihr“, sage ich bestimmt. „Echt? Aber ihr seid doch Akademiker“, schaut sie mich mit großen Augen an. „Ja genau, und?“, kontere ich. Ich mag solche Gespräche nicht. Denn nur weil mein Mann und ich studiert haben, muss unser Kind nicht automatisch ins Gymnasium gehen.
Denn zu Unrecht hat die Mittelschule vielerorts einen negativen Ruf. Diese Bedenken kommen nicht nur von den Eltern, sondern auch von Lehrkräften und reichen von „Da gehen nur die schlechten Schüler*innen hin“ über „Willst du nur mit Ausländern in der Klasse sitzen?“ bis zu „Da ist der Umgang schlecht“. Einige der Vorurteile mögen auch auf manche Schulen zutreffen. Aber auf einen Großteil eben nicht. Denn gerade in der Mittelschule gehen wir auf die Kids besonders fürsorglich ein: Es gibt Beratungslehrer*innen, das System „AHS und Standard“, kleine Klassengruppen, die Schüler*innen werden oft aufgeteilt, um sie individuell zu fördern. Berufsorientierung ist eines der essenziellen Fächer und ganz wichtig: Die MS und die AHS haben denselben Unterstufen-Lehrplan. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Auch die Ausbildung ist dieselbe. Wir fahren alle mit dem gleichen Boot und booten uns gegenseitig aus. Das ist nicht gut.
Egal, welches Schulmodell man wählt: Es sollte einfach das richtige für das jeweilige Kind sein. Das zu erkennen, ist unsere Aufgabe als Lehrer*in – und dazu gehört auch, den Eltern eine entsprechende Empfehlung zu geben.
Was mir an unserem Schulsystem so gefällt, ist seine Durchlässigkeit. Auf ganz vielen Wegen kommt man zu seinem Wunschberuf. Meine eigene Familie ist das beste Beispiel: Ich war selbst im Gymnasium – ganze 8 Jahre. Es hat damals für mich gut gepasst. Meine Schwester ist auch Lehrerin. Sie war vier Jahre im „Gymi“, hat dann auf die HLW gewechselt und später auch die Pädagogische Hochschule besucht. Sie ist Volksschullehrerin geworden. Mein Mann war in der Hauptschule, hat dann die Kindergartenschule absolviert, war ein Jahr Kindergärtner und hat dann mit der PH begonnen. Er leitet ein Schulcluster mit drei Schulen. Man sieht, der Lebensweg hat wenig damit zu tun, ob ich in eine MS oder an ein Gymnasium gehe. Es hat sehr viel damit zu tun, wie man motiviert wird, welche Lehrer*innen man hat und wie wertgeschätzt man sich fühlt. Ich kann auch im Gymnasium an die „falschen“ Pädagog*innen geraten und meine Schullaufbahn wird im Sand verlaufen, einfach weil meine Talente nicht gesehen werden.
Und genau das ist der Punkt: Jedes Kind hat ein Talent. Vielleicht kann er/sie nicht völlig sprachvollendet schreiben, ist aber ein Zeichentalent und wird später als Grafiker*in viel bewegen. Oder Geschichte ist sein/ihr absolutes Lieblingsfach, obwohl Mathematik gar nicht geht. Er/sie wird uns vielleicht den nächsten Dinosaurier ausgraben und selbst Geschichte schreiben. Schauen wir uns die Kinder an, wie sie ticken, und helfen ihnen, den richtigen Weg zu finden. Dann kann Bildung auch zu Herzensbildung werden.